Naturschutz-Akademie Hessen

Sollen wir unsere Vögel im Winter füttern?


Bei eisigen Temperaturen und Schnee in den Wintermonaten entsteht bei vielen Menschen das Bedürfnis, unsere wild lebenden Vögel zu füttern. Einige freuen sich über den regen Betrieb am Futterhäuschen, andere möchten möglichst viele Arten entdecken, beobachten oder auch bestimmen.
Die Winterfütterung ist jedoch nicht unumstritten und wird daher auch durchaus kontrovers diskutiert. Die Befürworter sehen in den Futtergaben eine ethische Verpflichtung gegenüber unseren gefiederten Mitgeschöpfen. Als massiven Eingriff in die natürlichen Abläufe und Mechanismen der Natur wird sie von den Gegnern vehement abgelehnt. Natürlich kann man die Argumente beider Parteien nachvollziehen. Daher ist es auch nicht leicht, verbindliche Regeln zu definieren. Dennoch wollen wir den Natur- und Vogelfreunden ein paar Informationen zur Winterfütterung der Vögel geben.

Ein Kleiber untersucht Totholz

Vor allem haben die Gartenbesitzer diverse Möglichkeiten, unseren Vögeln über den Winter zu helfen, sogar ohne eine Winterfütterung. Denn ein naturnaher Garten mit einheimischen Bäumen und Sträuchern ist für viele Vogelarten ein wertvoller Lebensraum. Er bietet nicht nur Schutz und Brutmöglichkeiten, sondern auch Nahrung. Bis hinein in den Winter finden die Vögel hier Obst, Beeren, verschiedene Sämereien und auch tierische Nahrung (etwa unter dem Laub, an Bäumen, Sträuchern, Stauden oder in totem Holz). Dazu ist natürlich das entsprechende „Inventar“ (Bäume, Sträucher, Wildkräuter, Totholz …) und der Verzicht auf den Einsatz von Bioziden erforderlich.

Äpfel - ein natürliches Nahrungsangebot

Denkbar ist aber auch die klassische Winterfütterung, etwa auf dem Balkon, wenn ein Garten nicht zur Verfügung steht. Diese Methode hat durchaus positive Effekte. So eignet sie sich recht gut, um Menschen (insb. auch Kinder) an die Natur heranzuführen und ihnen Artenkenntnisse zu vermitteln. Bei der oft sehr nahen Distanz sind die verschiedenen Vogelarten am Futterhaus gut zu beobachten und zu bestimmen. Ein entsprechendes Buch oder auch eine App können hierbei sehr hilfreich sein. Wer möchte, kann seine Beobachtungen auch bei „Naturgucker.de‟ oder bei der jährlichen NABU-Aktion „Stunde der Wintervögel‟ (4. - 6. Januar 2019) melden.

Füttern sollte man die Vögel nur bei Frost oder Schneelage. Wenn man einmal mit der Fütterung angefangen hat, sollte man sie auch beibehalten, weil sich die Tiere an die neue Nahrungsquelle gewöhnen.

Amselhahn im Schnee

Ernsthafte Probleme können bei der Fütterung durch die hygienischen Bedingungen am Futterplatz entstehen. Durch die vielen Gäste am Futterhaus entsteht oft durch Kot verunreinigtes oder verdorbenes Futter. Somit können Krankheitserreger leicht übertragen werden, wodurch dann genau das Gegenteil der eigentlichen (guten) Absicht erreicht wird. Die Verwendung entsprechender Futtersilos und die regelmäßige Reinigung der Futtergeräte kann die Hygiene verbessern und die Risiken minimieren.

Klassisches Futterhäuschen

Wenn wir füttern, sollten wir die Nahrungsgewohnheiten unserer Vögel berücksichtigen. Zunächst müssen wir erkennen, ob es sich bei den Besuchern um Körner- oder Insektenfresser handelt. Für die – an ihrem meist kräftigeren Schnabel erkennbaren – Körnerfresser (Dompfaff, Buchfink, Goldammer, Grünfink …) eignen sich die handelsüblichen Streufuttermischungen. Unseren Weichfutterfressern, etwa den verschiedenen Meisenarten, können wir entsprechende Meisenknödel oder -ringe anbieten. Die häufig vorkommenden Amseln und andere Drosseln werden sehr gerne auch Obst (Äpfel, Birnen), Rosinen und Haferflocken annehmen. Für eine Fütterung nicht geeignet sind jedoch Essensreste und salzhaltige Futtermittel.

Rotkehlchen sind Insektenfresser

Der Standort des Futterplatzes sollte mit Sorgfalt ausgewählt werden. Er muss übersichtlich sein, damit sich Katzen nicht unbemerkt anschleichen können. Von Bedeutung ist auch ein Sicherheitsabstand zu Glasscheiben (etwa 2 m), um Anflugunfälle zu vermeiden. Natürlich sollte der Futterplatz für uns aber auch gut einsehbar sein, damit wir uns an den gefiederten Gästen erfreuen können.

Abschließend sei noch angemerkt, dass die Winterfütterung unserer Vögel nichts mit Artenschutz zu tun hat, zumal meist nur die ohnehin häufig vorkommenden Vogelarten von ihr profitieren. Insbesondere kann eine Fütterung Biotopzerstörungen bzw. -verluste nicht kompensieren!


Literatur

Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg (Hrsg.), 1989
Winterfütterung der Vögel
Koch, Reutlingen

Svensson, L. et al, 1999
Der neu Kosmos Vogelführer
Franckh-Kosmos, Stuttgart



Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub