Naturschutz-Akademie Hessen

Pilze - die fremdartigen Wesen


„Nicht Fisch, nicht Fleisch‟, könnte man im übertragenen Sinne sagen. Pilze sind weder Tier noch Pflanze, vielmehr haben die Systematiker der Biologie sie in ein eigenes Reich gestellt.
Wenn es um Pilze geht, denken sicher viele von uns zunächst an bekannte Speisepilze, wie Steinpilz oder Pfifferling. Auch giftige Arten, etwa der Grüne Knollenblätterpilz oder der auffällige Fliegenpilz, sind uns ein Begriff. Tatsächlich aber ist die Welt der Pilze weitaus komplexer.

Den kennt jeder: Fliegenpilz


Was wir gemeinhin als „Pilze‟ bezeichnen, sind die meist oberirdisch wachsenden Fruchtkörper, die in einer bemerkenswerten Formen- und Farbenvielfalt auftreten können. Der eigentliche Pilz ist das Myzel, welches als Geflecht unterirdisch oder in Bäumen wächst und die Fruchtkörper ausbildet. Ein solches Myzel kann gewaltige Ausmaße erreichen. So wurde im Bundesstaat Oregon (USA) das Myzel einer Hallimasch-Art entdeckt, welches sich über mehrere Hundert Hektar (!) ausbreitet. Damit ist dieser Pilz das größte (derzeit bekannte) Lebewesen der Welt.

Die „Höheren Pilze‟ werden in zwei großen Gruppen zusammengefasst, „Ascomyceten“ (Schlauchpilze) und „Basidiomyceten“ (Ständer- oder Hutpilze).
Zu den ersteren zählen einige Speisepilze, überwiegend aber Schimmelpilze und Hefen. Auch die zahlreichen Zersetzer, die in der Lage sind, tierische und pflanzliche Substanzen abzubauen (auch sehr widerstandsfähige Stoffe, wie Lignin und Zellulose), finden sich hier.
Die meisten Speisepilze und auch auch viele giftige Arten stammen aus der Gruppe der Basidiomyceten. Hinzu kommen die im Nutzpflanzenanbau gefürchteten Rost- und Brandpilze.

Ein sehr effektives System in der Natur ist die Symbiose zwischen Pilzen und Pflanzen, welche als Mykorrhiza bezeichnet wird. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort „Pilzwurzel‟. Dabei umschließt das Pilzmyzel die äußeren Feinwurzeln, etwa von Bäumen, und gibt durch diese Verbindung aus dem Boden gesammelte Nährstoffe (z. B. Stickstoff und Phosphor) an den Baum ab. Im Gegenzug erhält der Pilz Glucose, also Zucker, der durch die Photosynthese der Bäume entstanden ist. Diesen Zucker kann der Pilz nicht selbst erzeugen, weil er kein Chlorophyll besitzt und daher keine Photosynthese durchführen kann.
Viele Großpilze unserer Wälder sind Mykorrhizapilze, wobei sie meist an ganz bestimmte Baumarten gebunden sind. Da der ganze Waldboden von Pilzmyzelen durchzogen ist, entstehen auch Verbindungen von Baum zu Baum. Dieses „Wood-Wide-Web‟ sorgt über chemische Verbindungen für einen Informationsaustausch zwischen den Bäumen, die so etwa beim Auftreten von Schädlingen schneller reagieren können.

Eine ganz wichtige Funktion erfüllen Pilze in ihrer Eigenschaft als Zersetzer von organischen Materialien. In Kooperation mit Würmern, Insekten und zahllosen Mikroorganismen wird so die Biomasse (etwa totes Holz und Laub oder auch Tierkadaver) umgewandelt und wieder dem Stoffkreislauf zugeführt.


Die Vermehrung der Pilze erfolgt über feinste Sporen, welche die Fruchtkörper teilweise in unglaublichen Mengen ausstoßen. Verbreitet werden diese Sporen mit dem Wind.
Auf dem (Wald-)Boden findet man mitunter kreisförmig angeordnete Pilzfruchtkörper, sogenannte Hexen- oder Feenringe, die entstehen, wenn sich das unterirdische Myzel in alle Richtungen gleich schnell ausdehnt.

Steinpilz

Jetzt im Herbst beginnt wieder die Pilzsaison und viele Menschen suchen dann nach den schmackhaften Speisepilzen. Hierbei ist eine genaue Kenntnis der Arten unerlässlich! Auf jeden Fall sollte man zweifelhafte Arten besser nicht mitnehmen oder zumindest einer Pilzberatungsstelle zeigen. Auch bei Pilzen gilt zwar schon einmal der Spruch „die Dosis macht das Gift‟. Dabei gibt es jedoch eine Ausnahme, die Knollenblätterpilze, welche durchaus mit Wiesenchampignons verwechselt werden können. Bei ihnen kann schon der Verzehr geringster Mengen tödlich enden!

Ein hochgiftiger Knollenblätterpilz


Literatur

Lehner, S. 2005
Der perfekte Pilzführer
Sammüller Kreativ GmbH, München

Pott, E. 1988
Wald: Pflanzen, Tiere, Biotope
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Augsburg



Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub