Naturschutz-Akademie Hessen

O Tannenbaum!


Hier berichten wir meist von unseren hessischen Buchenwäldern, weil diese typisch sind für unser Bundesland. Allerdings wachsen in unseren Wäldern auch Nadelbäume, entweder in Reinbeständen oder auch beigemischt in den Laubwäldern. Der Waldflächenanteil der Nadelhölzer beträgt 41 %. Am häufigsten vertreten ist die Fichte, gefolgt von Kiefer, Lärche und Douglasie. Richtige Tannen, wie die auch in Deutschland vorkommende Weißtanne, werden wir in Hessen kaum finden. Allerdings werden Tannen (meist Nordmanntanne oder Nobilistanne) häufig in Weihnachtsbaumkulturen herangezogen.

Herbstlicher Nadelwald

Trotzdem werden gerade Fichten von zahlreichen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gerne als „Tannen‟ bezeichnet, was botanisch natürlich nicht korrekt ist. Ebenso verhält es sich übrigens mit den „Zapfen‟ der Weißtanne, also den „Tannenzapfen‟. Diese werden wir in der Natur nicht finden, weil sie direkt nach der Reife noch am Baum zerfallen. Übrig bleibt nur eine aufrecht stehende Spindel. Die „Tannenzapfen‟, die wir auf dem Waldboden liegen sehen, sind dann in der Regel Fichtenzapfen; jene fallen nämlich als ganzes Stück vom Mutterbaum ab.

Fichtenzapfen

Gerade das Vorkommen der Fichte (in Hessen sind es 22 %) wird häufig als problematisch beurteilt, was aber primär nicht an der Baumart selbst liegt, sondern eher an der Art und Weise ihres Anbaus und ihrer Bewirtschaftung. Insbesondere werden Fichtenreinbestände wegen ihrer Artenarmut und ihrer Anfälligkeit gegenüber biotischen und abiotischen Faktoren kritisch gesehen. Wir alle kennen die Bilder totaler Verwüstung, die Orkane in diesen Monokulturen anrichten können. Hinzu kommen Schäden durch Pilze, Borkenkäfer und andere Insekten. Auch die früher häufig betriebene Erntemethode im Kahlschlagverfahren trug mit bei zum schlechten Image der Fichtenwälder.

Windwurf in einem Fichtenbestand

Natürlicherweise ist die Fichte ein Baum des borealen Nadelwaldes und der Gebirgshochlagen, wo sie in Vergesellschaftung mit Buchen und Weißtannen die bekannten Bergmischwälder bildet. Auch in Hessen finden wir sie häufig in den Hochlagen der Mittelgebirge. Teilweise werden auch Fehlstellen in natürlich verjüngten Buchenwäldern mit Fichten (und auch Douglasien) komplettiert. Daraus können sehr schöne und stabile, oft auch ungleichaltrige Mischwälder entstehen.

Fichtenwälder in Mittelgebirgs-Hochlagen

Im Wirtschaftswald erreicht die Fichte meist ein Alter von etwa 80 – 100 Jahren. In standortgerechten Naturwäldern kann sie mehrere Hundert Jahre alt und bis zu 50 m hoch werden. Eine Fichte hält übrigens den Altersweltrekord bei den Bäumen. Dieser Baum wächst in Mittelschweden, wobei Wissenschaftler mit Hilfe der „C14-Analyse‟ das unglaubliche Alter von 9.950 Jahren (!) feststellten.

Solitärfichte

Auch aus ökologischer Sicht sollte man die Fichte oder Nadelwälder nicht a priori verdammen. So sind einige (auch sehr seltene) Tierarten auf sie angewiesen. Beispielhaft seien hier Auerhuhn, Tannenhäher, Sperlingskauz, Fichtenkreuzschnabel und die hügelbauenden Waldameisen genannt.

Tannenmeise und Goldhähnchen

Außer dem Auerhuhn kommen die erwähnten Arten auch in Hessen vor, wenn auch recht selten. Häufig anzutreffen sind jedoch die Waldameisen, worauf schon die auffälligen Hügel hindeuten, die man an Waldrändern oder kahlen Stellen in den Nadel- oder Mischwäldern findet.

Waldameisenhügel im Mischwald

Nicht zu unterschätzen sind weitere wichtige Funktionen der Fichten- bzw. Nadelwälder. Denken wir dabei nur an die Filterung von Schadstoffen aus der Luft, an die Fähigkeit zur Bindung von CO2 und die Produktion von Sauerstoff, sozusagen als „Abfallprodukt‟ der Photosynthese. Dies alles funktioniert bei den immergrünen Nadelbäumen auch noch dann, wenn die Laubbäume das Laub bereits verloren haben.
Vielleicht sollten wir auch an diese positiven Eigenschaften der Nadelhölzer denken, wenn wir an Weihnachten unseren Weihnachtsbaum betrachten und evtl. auch das Lied „O Tannenbaum‟ anstimmen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr mit vielen schönen Naturerlebnissen!

Literatur

Dengler, A. 1971
Waldbau auf ökologischer Grundlage
Paul Parey, Hamburg und Berlin

Mitchel, A. Et al. 1981
Die Wälder der Welt
Hallwag AG, Bern

Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub