Naturschutz-Akademie Hessen

Die "Mutter des Waldes"


So nennen sie viele Förster fast ehrfurchtsvoll. Die Rede ist von dem hessischen Charakterbaum schlechthin, der Buche. Mit 31 % ist sie die Hauptbaumart in unserem sehr waldreichen Hessen. Hier findet sie optimale Wuchsbedingungen, sowohl in reinen Buchenbeständen als auch in Mischwäldern. Ohne den Eingriff des Menschen wäre das ganze Hessenland – bis auf wenige Grenzstandorte (etwa zu feuchte Bereiche) – ausschließlich von Buchenwäldern bedeckt. Vegetationskundler bezeichnen diese Endstufe der Sukzession auch als Klimax- oder Schlusswaldgesellschaft.

Mächtige Rotbuche

Die Buche, die auch als Rotbuche bezeichnet wird, trägt den wissenschaftlichen Namen Fagus sylvatica. Mit ihrer grauen Rinde und den typischen Blättern ist sie eigentlich unverkennbar. Eventuell könnte man sie noch mit einer Hainbuche verwechseln, mit der sie allerdings nicht näher verwandt ist.
Rotbuchen sind sehr stattliche Bäume, die Wuchshöhen von über 40 m und ein Alter von über 300 Jahren erreichen können. Sie bilden mächtige, dicht belaubte Kronen aus und sind mit ihren Herzwurzeln fest im Boden verankert. Im Freistand beginnt die Krone bereits weit unten, was man gut bei den sogenannten Hutebuchen erkennen kann, die früher bei historischen Beweidungsformen eine Rolle spielten. Relikte sind auch heute noch teilweise erhalten, etwa im Kellerwald oder in der Rhön. Damals waren diese Buchen (und auch Eichen) von besonderer Bedeutung für Weidetiere, die sich von den Bucheckern ernährten. Die Früchte der Buche werden alle paar Jahre in sehr großer Zahl ausgebildet – dies bezeichnet man als „Mastjahre‟. In diesem Jahr (2018) kann man dieses Phänomen wieder beobachten.

Bucheckern

Heute wächst die Buche aber kaum noch im Freistand, sondern als bestandsbildende Baumart in Wäldern. Wir alle kennen diese hallenartigen Buchenwälder, die durch die hoch ansetzenden Kronen und die recht starke Beschattung des Bodens während der Vegetationszeit entstehen. Mit Ausnahme der Frühblüher, die noch vor dem Laubausbruch der Buchen blühen, finden sich in Buchenwäldern kaum weitere Pflanzen. Insbesondere sind die lichtliebenden Sträucher nicht vorhanden. Aber auch andere Baumarten sind wegen der absoluten Wuchsdominanz der Rotbuchen meist im Nachteil.

Frühblüher Buschwindröschen

Die Verjüngung der Buche erfolgt auf natürliche Weise durch die Fruktifikation. Nach einem Mastjahr können auf einem Hektar bis zu einer Million Keimlinge wachsen, deren Zahl sich jedoch mit zunehmendem Alter drastisch reduziert.
Von besonderer ökologischer Bedeutung sind alte Buchenwälder, die sich auch schon in der Zerfallsphase befinden können und einen gewissen Totholzanteil aufweisen. Dies ist der Lebensraum zahlreicher Tierarten. Neben Säugetieren und Vögeln sind hier viele versteckt lebende Arten anzutreffen, etwa Insekten, Spinnen und diverse Bodenorganismen. Bekannte Arten der Buchenwälder sind z. B. Schwarz- und Buntspecht, deren Bruthöhlen als „Nachmieter‟ gerne von Eulen, Dohlen, Hohltauben, Bilchen und Fledermäusen genutzt werden. Aber auch seltene Arten, etwa die Wildkatze oder der Schwarzstorch, sind Bewohner dieser alten Buchenwälder.


Viele Arten gehören zur Gruppe der Insekten, wobei vor allem Käfer und Schmetterlinge vertreten sind. Aber auch für Schnecken und Amphibien stellen Buchenwälder wichtige Lebensräume dar.
Als Zersetzer sind zahlreiche Pilzarten in alten Buchenwäldern vertreten. Viele kennen sicher die auffälligen Konsolen des Zunderschwamms an stehendem oder auch liegendem Totholz. Es handelt sich hierbei um die Fruchtkörper – der eigentliche Pilz (das Myzel) lebt in dem toten Holz.

Rotrandiger Baumschwamm

Natürlich sind unsere Buchenwälder auch wichtige Erholungsräume für Menschen. Besonders eindrucksvoll präsentieren sie sich während der Blattverfärbung im Herbst – ein wahrer Farbenrausch, den uns die „Mütter des Waldes‟ dann bieten.

Abschließend sei noch erwähnt, dass im Jahr 2011 Kernflächenbereiche des Nationalparks Kellerwald-Edersee als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt wurden. Diese alten Buchenwälder stehen somit auf der gleichen Stufe wie z. B. die Serengeti oder der Grand Canyon!


Literatur

Amann, G. 1984
Bäume und Sträucher des Waldes
Neumann-Neudamm KG, Melsungen

Bund, LV Hessen & NZH (Hrsg.), 1995
Lebensraum Buchenwald
Media-Print GmbH, Wetzlar

Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub