Naturschutz-Akademie Hessen

Das Gärtnerische in der Pädagogik


In Anlehnung an einen Vortrag von Dr. Inge Schenk

Der Schulgarten war und ist ein Bildungs- und Lernort, der fast alle Bildungsanforderungen aufgreifen und unterstützen kann. Also ein idealer und unverzichtbarer Lernort?

Unsere Umgangssprache beschreibt das Heranwachsen eines Kindes und damit verbundene Lebenssituationen gerne mit Begriffen und Bildern aus dem Garten:
Wir wünschen uns, dass unsere Kinder wachsen, gedeihen und aufblühen und für ihre Leistungen die Ernte einfahren können. Jedoch müssen wir manchmal die Spreu vom Weizen trennen und Auswüchse und Verwilderungen eindämmen. Oftmals stellen wir fest: Der Apfel fällt nicht weit vom Baum. Immer sollten wir pfleglich miteinander umgehen - und wir freuen uns, wenn wir unsere Wurzeln nicht vergessen und trotzdem auch in der Lage sind, woanders Wurzeln zu schlagen.

Erich Kästner formuliert in seiner berühmten Ansprache zum Schulanfang (1953): Früchtchen seid ihr und Spalierobst müsst ihr werden. Ihr kommt vom Baum des Lebens in die Konserven der Zivilisation. … Der Lehrer ist kein Zauberkünstler, sondern ein Gärtner: Er wird euch hegen und pflegen. Wachsen müsst ihr selbst.

Oder bedienen sich die Gärtner etwa bei den Pädagogen? Woher kommt eigentlich der Begriff „Baumschule“? Und was ein „Erziehungsschnitt“?
Beide Lebenswelten scheinen eng miteinander verbunden.

Es ist sicher auch kein Zufall, dass die Vorstellung einer vollkommenen Welt, das Paradies, im Bild eines Gartens symbolisiert wird.

Ist der Schulgarten ein idealer unverzichtbarer Lernort?
Dazu ein Blick zurück in die Geschichte. Große Namen der historischen Pädagogen stehen im Zusammenhang mit Gärten bzw. Schulgärten:

Bereits 1638 fordert Johann Amos Comenius in seiner didacta magna, dass die Schule ein freundlicher, angenehmer und das Lernen erleichternder Unterrichtsort sein soll, für den ein Garten unentbehrlich ist. Der Garten sorgt einerseits für das Wohlbefinden der Kinder, andererseits können sie aber auch in ihm leicht im anschaulichen Erfassen der Naturelemente geübt und über diese belehrt werden.

August Herrmann Francke (1663-1727) legte in Halle in seinen von 1695 bis 1698 gegründeten Stiftungen einen botanischen Garten an, in dem die höheren Schüler Naturkundestunden im Garten erhielten, Pflanzen untersuchten und Herbarien anlegten.
(Praktische, ertragsorientierte Arbeiten im Schulgarten gab es nur für die Schüler der niederen Schulen.)

Ende des 18. Jahrhunderts setzten die Philanthropen (Salzmann, Basedow, Trapp, Rochow) wichtige Impulse. Beeinflusst von Rousseau und den allgemeinen Bestrebungen nach einer „Revolution“ – auch des Menschen – sollten die Kinder natürlich und vernünftig erzogen werden. Sie stellten den Schulgarten in den Mittelpunkt ihres Naturkundeunterrichts. Er diente darüber hinaus zur Zucht von Gemüse, Obst und Blumen, aber auch zur körperlichen Abhärtung und Naturnähe.

Unbedingt erwähnt werden muss auch Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827). Pestalozzis pädagogisches Ziel war eine Menschenbildung, in der die intellektuelle, sittliche und physische Bildung mit Kopf, Herz und Hand eine Einheit bilden. Der Garten ist sowohl Anschauungs- und Lernobjekt als auch ganz konkret und pragmatisch ein Beitrag zur Versorgung mit Nahrungsmitteln. In seinen pädagogischen Anstalten lernten Waisen und vernachlässigte Kinder, was ihnen zum Überleben nützlich sein kann und was ihre Lebenssituation verbessert.

Und dann noch Friedrich Fröbel (1782-1852): Der Kindergarten heißt nicht zufällig Kindergarten. Neben Spiel- und Beschäftigungshaus, Hof und Spielraum, Spielgaben wie Ball, Würfel, Kugel ist der Garten, ist die Natur für ihn das wichtigste Erfahrungsfeld. Fröbel empfiehlt, jedem Kind ein eigenes Beet zu überlassen.
Auch die Bezeichnung „Kindergärtnerin“ ist nicht zufällig. Fröbel beschreibt ihre Aufgaben mit dem Bild des Gärtners und den entsprechenden Aufgaben.
Zitat: „Wie in einem Garten unter Gottes Schutz und unter der Sorgfalt erfahrener, einsichtiger Gärtner im Einklang mit der Natur die Gewächse gepflegt werden, so sollen hier die edelsten Gewächse – Menschen, Kinder – als Keime und Glieder der Menschheit in Übereinstimmung mit sich, mit Gott und Natur erzogen und zu einer solchen Erziehung soll der Weg allgemein gezeigt und angebahnt werden. So kann durch diese Anstalt erreicht werden, für die erste Pflege und Erziehung der Kindheit gleichsam Gärtnerinnen und Gärtner zu bilden.“

Die Schulgärten spiegelten aber auch immer die Verfasstheit der jeweiligen Zeit wieder:

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Idee der Arbeitsschule, die maßgeblich von Georg Kerschensteiner begründet wurde, durch die Not des Ersten Weltkrieges beeinflusst. Die Schulgärten dienten nicht nur zur besseren Veranschaulichung und dazu, die unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten aufzugreifen, sondern waren auch für die Versorgung mit Nahrungsmitteln gefragt.

Mit dem Ende der Weimarer Republik wurde der Arbeitsschulgedanke zur Körper- und Wehrertüchtigung umformuliert und die Gärten entwickelten sich zu Kriegsversorgungsgärten. Auch die Schulgärten wurden „gleichgeschaltet“ und ihrer Vielseitigkeit beraubt. Zitat: „Der Schulgarten soll ein Gemeinschaftsgarten sein, er dient der Erziehung zum Gemeinschaftsgedanken. Das Schüler- oder Eigenbeet [wie es in der Arbeitsschulbewegung noch gewünscht war] ist abzulehnen.“ Die Schulgartenpädagogik des Dritten Reiches war geprägt vom Motiv der Ertragssteigerung zum Zweck der Versorgung der Bevölkerung.

In der Nachkriegszeit konnten die Schulgärten in der BRD nicht mehr richtig fußfassen und verloren ab den 60er Jahren völlig an Bedeutung. Viele sagen, der Sputnikschock war mit Auslöser, dass in der Bildung das Kognitive im Vordergrund stand und kein Platz mehr für den emotionalen und pragmatischen Bereich des Lernens war. Technologiegläubigkeit und hohes Image von exakt von Architekten geplanten Außenanlagen taten ihr Übriges. Zusätzlich wuchsen und erweiterten sich die Schulen und das Gelände wurde für Gebäude, Turnhalle oder Parkplätze verwendet.

Anders in der DDR, in der der Mensch zu einer allseitig gebildeten polytechnischen Persönlichkeit erzogen werden sollte. Es ging auch um das Hinführen zu Arbeitsprozessen in der sozialistischen Landwirtschaft. Es gab eine enge Verbindung zwischen Unterricht und Arbeit.

Erst Anfang der 80er Jahre stieg der Stellenwert der Schulgärten wieder. Ganzheitliches Lernen mit Kopf, Herz und Hand war wieder gefragt. Bei der Suche nach den dafür notwendigen realen Situationen und konkreten Dingen – sozusagen vor der Schultür – wurde der Schulgarten wiederentdeckt. Außerdem erkannte man, dass die Wertschätzung der Mitwelt und die Bereitschaft, sich für Natur und deren Schutz einzusetzen, nicht allein aus Wissen und Kenntnis erwachsen. Erleben mit allen Sinnen, Emotionen, Erkunden, fächerübergreifendes Wissen und praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen zusammenwirken. Aber auch für die individuelle Entwicklung leistet der Schulgarten viel: sinnliche Erfahrungen (riechen, schmecken, tasten, sehen, auch spielen, erleben, erholen, bewegen), den eigenen Körper und die Kräfte und ihre Grenzen spüren, die Jahreszeiten bewusst wahrnehmen und vor allem: Gemeinschaft und Miteinander. Wahrhaft ganzheitlich – mit Kopf, Hand und Herz.

Die positive Entwicklung und der heute hohe Stellenwert der Schulgärten als Lernort ist auch der „UN-Dekade Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ zu verdanken.

Nachhaltigkeit hat gleichzeitig drei Säulen im Blick:Ökologie – natürliche Ressourcen erhaltenÖkonomie – stabiles Wirtschaften ohne Raubbau an Mensch und Natur
Soziales – Teilhabe aller an den Ressourcen und an den Entscheidungen zu deren Nutzung, kulturelle Identität bewahren

Für die Bildung für Nachhaltige Entwicklung sind grundsätzlich Themen geeignet, dieeine ökologische, ökonomische und soziale Dimension besitzen,Alltagsbezug und Bedeutung für die Lerngruppe haben,
eine globale Dimension aufzeigen,
von längerfristiger Bedeutung sind
Möglichkeiten des Mitwirkens und Handelns bieten,
Kooperationspartner einbinden können.

Die in der BNE benannte Gestaltungskompetenz fordert, eigenständig und mit anderenvorausschauend und planend zu denken und zu handelninterdisziplinär Wissen anzueignen,
sich um interkulturelle Verständigung und Zusammenarbeit zu bemühen,
Verhalten, Wünsche und eigene Ziele zu reflektieren,
Freude an der Arbeit /Motivation zu entwickeln.

Der Schulgarten erfüllt alle Anforderungen und Kriterien und ermöglicht eine praxisorientierte Entwicklung einer Handlungs- und Gestaltungskompetenz.
Der Schulgarten ist der ideale Lernort um Bildung für Nachhaltige Entwicklung lebendig werden zu lassen und erlebbar zu machen.

Weitere Stichworte, die mit BNE in Zusammenhang stehen, sind:
- interkulturelles Lernen
- generationsübergreifendes Lernen
- Lernen in Projekten
- Gesundheitsbildung
- Ernährungsbildung
- Naturerleben
- handlungsorientiertes Lernen
- Wahrnehmung, Wertschätzung und Schutz der biologischen Vielfalt ...

Auch die heute oft geforderten Soft Skills werden im Schulgarten gefördert: Ohne Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Fleiß, Fürsorge etc. kommt man im Garten und Schulgarten nicht weit.

Das Ziel aller pädagogischen Arbeit ist die Entwicklung einer Gestaltungskompetenz, die die aktive Teilnahme an der Gesellschaft mit nachhaltigen Entscheidungen ermöglicht:
Gestaltungskompetenz = Wissen + Können + Wollen.


Maria Krah-Schmidt

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