Naturschutz-Akademie Hessen

Bambis Hochzeit


Nein, hier wird nicht das neueste Disney-Werk vorgestellt, sondern unsere häufigste Schalenwildart, das Reh. Im Juli und August werden die aufmerksamen Naturfreundinnen und Naturfreunde unsere kleinste Hirschart öfter beobachten können. Denn in diese Monate fällt die Paarungszeit der Rehe, die dann auch am Tage in Wald und Flur sehr aktiv sind. Besonders auffällig sind die meist kreis- oder achtförmigen Bewegungsmuster, die entstehen, wenn der Bock seine Ricke vor sich hertreibt.

Ricke

Rehbock in der Feldflur

Das Reh (Capreolus capreolus) ist der mit Abstand häufigste Vertreter der Hirschfamilie, nicht nur in Hessen, sondern auch in Deutschland und ganz Europa. Jährlich werden bundesweit über eine Million Tiere erlegt – dazu kommen noch einmal ca. 200.000 Verkehrsopfer. Die Lebensräume der Rehe sind vor allem Laub(misch)wälder und Waldrandbereiche, aber auch Felder und selbst urbane Gebiete (etwa Parkanlagen) werden genutzt.

Lebenraum Laub-Mischwald

Ihr Körpergewicht liegt bei maximal 30 kg und die Lebenserwartung bei etwa 15 Jahren (sofern sie die zahlreichen Gefahren überstanden haben). Im Sommer sind sie rotbraun gefärbt und in den Wintermonaten zeigt das Fell eine mausgraue Farbe. In einigen Gegenden gibt es auch schwarze Farbspielarten.
Rehe sind Wiederkäuer und vom Ernährungstyp her sog. Konzentratselektierer, die sich hauptsächlich von Gräsern, Kräutern, Blättern, Knospen und frischen Austrieben ernähren. Durch ihre hohe Populationsdichte von bis zu zehn Tieren pro 100 Hektar Wald entstehen dort mitunter starke Schäden durch Verbiss in Verjüngungen.

Verbiss an junger Buche

Wie eingangs erwähnt, fällt die Fortpflanzungszeit (der Jäger nennt dies „Blattzeit‟) in den Hochsommer, wobei hohe Lufttemperaturen die Aktivität der Tiere fördert. Eine Besonderheit: Nach der Befruchtung tritt zunächst eine Keimruhe in der Embryonalentwicklung ein. Erst ab Dezember beginnt dann die eigentliche Embryonalphase. Die Kitze (es sind meist zwei, selten auch einmal drei) werden im Mai des folgenden Jahres geboren. Oftmals legt sie die Ricke in das hohe Gras der Wiesen, wo dann viele von ihnen durch den Maschineneinsatz bei der zeitgleich stattfindenden Heuernte umkommen.
Natürliche Feinde der Rehe sind (Bär), Wolf, Luchs und Fuchs. Die meisten sterben jedoch bei der Jagd und auf der Straße.

Die männlichen Tiere (sie werden als „Bock‟ oder „Rehbock‟ bezeichnet) tragen – wie alle Hirsche – ein Geweih, welches die Jäger jedoch „Gehörn‟ nennen. Dieses wird jedes Jahr (im Winter) abgeworfen und manchmal findet man eine Abwurfstange davon in der Natur. Nach dem Abwurf beginnt dann wieder der Aufbau des neuen Gehörns, welches zunächst von einer Basthaut umgeben ist, die dann im Frühjahr durch das sog. „Fegen‟ an jungen Bäumen oder Sträuchern entfernt wird. Durch die verschiedenen Baumsäfte entsteht dabei die typische Gehörnfarbe.

Rehabwurfstange

Rehe verfügen über ausgezeichnete Sinne, insbesondere sind ihr Hör- und Geruchssinn hervorragend ausgebildet. Auch Bewegungen werden sofort wahrgenommen. Eine Rudelbildung, wie man sie von Rot- und Damhirschen kennt, gibt es beim Rehwild nicht. Im Winter finden sich mitunter lediglich lockere Gemeinschaften zusammen.

In zoologischen Gärten oder Wildparks werden Rehe so gut wie nie gehalten, weil ihre Ernährungsansprüche außerordentlich komplex sind. Zudem können männliche Tiere in der Gefangenschaft sehr aggressiv gegenüber ihren Pflegern werden.
Der Leser mag es vielleicht nicht glauben – es ist jedoch eine Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung das Reh als eigene Art nicht wahrnehmen. Vielmehr herrscht die Meinung vor, der (Rot-)Hirsch sei der „Vater‟, das Reh sei die „Mutter‟ und ihr gemeinsames „Kind‟ ist dann „Bambi‟, und dies geht natürlich auf die Geschichte von Disney zurück.


Literatur

Grimmberger, E. 2014
Die Säugetiere Deutschlands
Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim

Raesfeld von, F. 1970
Das Rehwild
Paul Parey, Hamburg und Berlin


Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub