Naturschutz-Akademie Hessen

Unsere Obstwiesen - Kleinode biologischer Vielfalt


Die Natur zeigt sich bisweilen in beeindruckender Schönheit und außergewöhnlicher Vielfalt. Landschaftselemente, auf die eine solche Beschreibung im besonderen Maße zutrifft, sind Obstwiesen, die auch als Streuobstwiesen bezeichnet werden.
Obstwiesen sind Grasflächen, auf denen hochstämmige Obstbäume wachsen, die in Reihen, Gruppen oder auch unregelmäßig gepflanzt wurden. Die Apfel-, Birn-, Kirsch- und Pflaumenbäume werden extensiv bewirtschaftet, was auch auf den Bodenbewuchs (Gras) zutrifft.

Der Obstbau ist eine uralte Landnutzungsform des Menschen. So pflanzten die Perser und Ägypter bereits in vorchristlicher Zeit Obstbäume entlang ihrer Handelsstraßen. Später waren es zunächst die Römer, dann die Karolinger, die den Obstbau hierzulande einführten. Eine starke Ausbreitung erfuhr der Obstbau im späten Mittelalter und im 18. und 19. Jahrhundert, als auch die heutigen Anbaugebiete entstanden, die in den klimatisch günstigen Tälern von Rhein, Main und Neckar sowie in den Randbereichen der Mittelgebirge liegen. Durch Verordnungen wurden damals die Dorfbewohner verpflichtet, auf geeigneten Parzellen und entlang der Feldwege Obstbäume zu pflanzen und diese auch zu pflegen.

Baumhöhle in altem Hochstamm

Die so entstandenen Obstwiesen prägen bis heute das Bild zahlreicher Regionen. Recht typisch sind vielerorts die Obstwiesengürtel in den Randbereichen der Dörfer.
Die Zusammensetzung und der Anteil der Baumarten einer Obstwiese sind abhängig von den standörtlichen Verhältnissen und den traditionellen Verwendungszwecken. Neben den unterschiedlichen Baumarten ist die Sortenvielfalt für Streuobstbestände charakteristisch.
Obstwiesen erfüllen zahlreiche Funktionen im Haushalt der Natur, wobei v. a. die älteren und absterbenden Obstbäume von Bedeutung sind. Diese alten Hochstämme bieten vielen Tierarten Schutz, Nahrung und Brutmöglichkeiten. Jeder alte Obstbaum ist bereits ein eigener Lebensraum für sich, der mehr als 300 verschiedene Tierarten beherbergen kann. Hinzu kommen noch diverse Pilze, Algen, Moose und Flechten, die auf dem Baum leben. In Verbindung mit dem Bodenbewuchs und weiteren kleinräumlichen Bestandteilen erhöht sich die Artenvielfalt einer Obstwiese gewaltig.

Der Große Fuchs lebt in Obstwiesen

Auf solchen Flächen konnten über 2.000 Tierarten nachgewiesen werden, wovon etwa 90 % der Insektengruppe angehören. Darüber hinaus bieten Obstwiesen noch etwa 400 Pflanzenarten einen Lebensraum.
Unter den Tierarten befinden sich einige, die in ihrem Bestand gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht sind. Dazu zählen z. B. Fledermäuse, Bilche, Steinkauz, Wendehals, und Wiedehopf. Während für viele Arten v. a. die Höhlen der alten Hochstämme von Bedeutung sind, nutzen andere das reiche Nahrungsangebot. Säuger, Vögel, Lurche, Kriechtiere und Insekten finden hier Nektar, Blätter, Samen, Früchte und auch tierische Nahrung.


Neben diesen wichtigen ökologischen Aspekten der Obstwiesen soll aber auch der Obstertrag nicht unerwähnt bleiben, der uns wohlschmeckende und gesunde Früchte liefert. Außerdem sind Streuobstwiesen reizvolle Landschaftselemente, die uns durch ihre Blütenpracht und die bunten Farben der Früchte und Blätter erfreuen.

Alte Birnensorte

Durch Siedlungserweiterungen, Straßenbau und die Intensivierung der Landwirtschaft ist ein drastischer Rückgang dieser Biotope zu verzeichnen. In vielen Gebieten wurden zudem die alten Streuobstwiesen durch Plantagen ersetzt, die jedoch außerordentlich arten- und auch sortenarm sind und in der Landschaft eher als Fremdkörper wirken. Deshalb sollte uns an der Erhaltung oder auch an der Neuanlage von klassischen Obstwiesen gelegen sein. Diese müssen gepflegt werden, was vor allem durch ihre weitere (extensive) Nutzung gewährleistet wird. Dazu zählen auch Nachpflanzungen, Kronenauslichtungen und die einmalige jährliche Mahd bzw. eine Beweidung der Wiese. Nur so können wir die Obstwiesen als prägende Elemente unserer Kulturlandschaft dauerhaft erhalten und schützen.


Literatur

Naturschutzzentrum Hessen e.v. (Hrsg), 1988
Lebensraum Obstwiese
Wetzlar

Fotos © Hubertus Schwarzentraub