Naturschutz-Akademie Hessen

Alte Bäume - Ikonen der Natur


Welcher Naturfreund kennt sie nicht, die alten, knorrigen und bizarren Baumrecken, denen wir mitunter begegnen? Als stumme Zeugen unserer Kulturgeschichte haben sie oftmals Jahrhunderte überdauert. Sie überlebten Kriege und Revolutionen und trotzen noch heute den Unbilden der Witterung.

Besonders Eichen und Linden haben die Menschen durch die Jahrhunderte der Geschichte begleitet und auch einen festen Platz in der Mythologie eingenommen.
So war den Germanen die Eiche heilig, die sie dem Donnergott Donar weihten. Im Zuge der Christianisierung wurden die Eichen später durch Linden ersetzt. Aus diesem Grunde stehen noch heute vor zahllosen Kirchen Lindenbäume.
Einige Baumveteranen erinnern an Personen und Ereignisse aus der Geschichte (Kaiser-, Königs- und Fürstenbäume, Friedensbäume, Gerichtsbäume, Heilige Bäume usw.).
Andere weisen auf historische Landwirtschaftsformen oder alte Handwerke hin. Hutebäume (meist Eichen oder Buchen) standen auf Viehweiden und spendeten dem Weidevieh durch ihre tief ansetzenden Kronen Schatten. Korbweiden, die regelmäßig geköpft wurden, lieferten den Korbmachern die notwendigen Rohstoffe.
In Dichtung und Volkslied sind Bäume fest verankert, wobei v. a. Linden immer wieder besungen wurden („Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum ...“;“... wo wir uns finden, wohl unter Linden ...“).


Unzählige Dorf- und Flurnamen sind nach Bäumen benannt. Ortsnamen, wie Eichenberg, Lindenfels, Buchenau, Tannenfeld, Birkendorf, Eschenbach, Eibenstock und Erlensee seien hier stellvertretend genannt.
Für zahlreiche Tiernamen, vorwiegend Vögel, standen Bäume Pate. Beispiele sind: Buchfink, Eichel- und Tannenhäher, Birkhuhn, Weidenmeise, Erlenzeisig, Fichtenkreuzschnabel, Baummarder, Eichhörnchen, Baumschläfer und weitere.

Seit Jahrhunderten gelten Bäume in vielen Kulturen als die Sinnbilder des Lebens schlechthin. Begriffe, wie der "Weltenbaum", der "Baum der Erkenntnis", der "Baum des Lebens" oder auch der "Stammbaum" weisen auf die enge Verbindung mit dem Leben hin.
Bis heute haben sich einige Baumsymbole erhalten; denken wir nur an den "Christbaum", den "Richtbaum" oder den "Maibaum".
Im Leben unserer Vorfahren spielten bestimmte Bäume jedoch eine weit größere Rolle. Als Gerichts-, Dorf- und Tanzbäume waren sie untrennbare Bestandteile des ländlichen Lebens. Meist unter Linden, aber auch unter Eichen wurde jahrhundertelang gerichtet. So gehen die z. T. heute noch erhaltenen Femelinden und -eichen auf die sog. Feme- oder Freigerichte aus der Karolingerzeit zurück.

Unter Bäumen fanden jedoch auch vergnügliche Dorffeste statt. Sie waren Orte der Begegnung, an denen sich die Generationen trafen, um miteinander zu sprechen, zu singen, zu musizieren und zu tanzen.
Diese Dorfbäume waren zumeist alte Sommerlinden (auch Eichen), die den Ortskern prägten oder an sonstigen exponierten Plätzen standen. Alte Dorfbäume sind in vielen Orten noch heute vorhanden.
In einigen deutschen Regionen gab (und gibt) es sog. Tanzbäume. Es handelte sich dabei i. d. R. um Linden (teils auch Kastanien), die bei Dorffesten oder anderen besonderen Anlässen (etwa Hochzeiten) von Bedeutung waren.

Erhalten wir die alten Bäume als Zeugen unserer Geschichte und als eindrucksvolle Monumente des Lebens.

Fotos © Hubertus Schwarzentraub

Literatur

Brosse, J.,1990
Mythologie der Bäume
Walter Verlag AG, Olten

Fröhlich, H. J.,1984
Alte liebenswerte Bäume in Hessen
Pro Terra Verlag, München

Fröhlich, H. J.,1989
Alte liebenswerte Bäume in Deutschland
Cornelia Ahlering Verlag; Hamburg

Goerss, H., 1981
Unsere Baumveteranen
Landbuch-Verlag, Hannover